Überprüfung des Bahnsteighöhenkonzepts der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft

Optimierte Barrierefreiheit in heterogenem Schienennetz

Seit 2013 schreibt das Personenbeförderungsgesetz eine vollständige Barrierefreiheit im ÖPNV vor. In Schienennetzen muss daher insbesondere für Rollstuhlfahrer sowohl die Einstiegshöhe ins Fahrzeug möglichst niedrig als auch der Spalt zwischen Fahrzeug und Bahnsteig gering gehalten werden. In heterogenen Schienennetzen wie dem der KVG halten aber unterschiedliche Fahrzeugtypen mit abweichenden Einstiegshöhen an gemeinsamen Bahnsteigen. Im Fall der KVG sind dies nicht nur vier verschiedene Straßenbahn-Fahrzeugtypen mit Breiten von 2,30 bis 2,40 m, sondern auch noch wesentlich breitere RegioTram-Fahrzeuge, die nach Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung betrieben werden. Erschwerend kommt hinzu, dass bei jedem Schienenfahrzeug verschiedene Einflussfaktoren die angestrebten Höhenunterschiede und Spalte zwischen Fahrzeugen und Bahnsteigen dynamisch verändern. So haben neben anderen Faktoren beispielsweise Spurkranz- und Gleisverschleiß, Radsatzquerelastizität sowie Primär- und Sekundärfederung einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Einstiegverhältnisse.

Im Auftrag der KVG hat die STUVA in den Jahren 2020 bis 2021 zunächst das bereits von der KVG erarbeitete Konzept auf seine Umsetzbarkeit überprüft. Im ersten Schritt wurde dazu der Lichtraumbedarf der Straßenbahnen in der Geraden ermittelt, vertikale und horizontale Versatzwerte überprüft sowie die Betriebszustände „Fahrgastwechsel in der Haltestelle" und „Durchfahrt einer Tram durch die Haltestelle mit 40 km/h" überprüft. Dem Ergebnis liegen Berechnungen nach TRStrab Lichtraum sowie empirische Erhebungen zugrunde. Darauf aufbauend wurden Simulationen durchgeführt, um Folgen abschätzen zu können.

Insgesamt ist festzustellen, dass das bereits vorliegende Bahnsteighöhenkonzept der KVG grundsätzlich funktioniert. Die genaue Überprüfung durch die STUVA hat allerdings immer wieder neue „Problemzonen“ erkennen lassen. Diese lassen sich zwar technisch oder betrieblich bearbeiten, ziehen allerdings einen größeren technischen und wirtschaftlichen Aufwand nach sich. Die Schwierigkeiten bei der Optimierung der Schnittstelle Fahrzeug-Haltestelle sind vor allem im derzeit sehr heterogenen Fahrzeugbestand zu sehen. Zudem ist zu bedenken, dass nach Ersatz der heutigen Fahrzeuge durch optimierte Fahrzeuge der Gleisachsabstand wieder verringert werden soll, um den Spalt zu verringern. Damit ergibt sich ein zusätzlicher Aufwand und die Zeitachse bis zur vollständigen Umsetzung des Konzeptes wird relativ lang.

In Abstimmung mit der zuständigen Arbeitsgruppe der KVG wurde daher ein alternatives strategisches Konzept entwickelt. Dieses sieht vor, den Status quo für den Gleisachsabstand beizubehalten. Die Bahnsteighöhe soll im Bereich der Türen mit Klapprampe grundsätzlich auf 220 mm angehoben werden. Dies kann über feste Einbauten oder temporäre Elemente schnell und an vielen Haltestellen (vorbehaltlich einer Prüfung im Einzelfall) umgesetzt werden. Derartige Lösungen haben sich in anderen Straßenbahnnetzen seit vielen Jahren bewährt. Durch die Anhebung der Plattform um 20 mm wird bereits eine Verbesserung bei der Stufe ins Fahrzeug erreicht – bei gleichbleibendem Spaltmaß (Status quo). Dies ermöglicht eine größere Selbstständigkeit beim Fahrgastwechsel für Rollstuhl- und Rollatornutzende. Der Einsatz der Klapprampe kann somit gegenüber dem derzeitigen Einsatz tendenziell reduziert und das Fahrpersonal entlastet, Haltestellenzeiten können verkürzt werden. Die geringere Stufe führt beim Einsatz der Klapprampe zudem dazu, dass mit allen Rampen grundsätzlich normgerechte Neigungsverhältnisse von maximal 12 % erreicht werden können (in der Regel geringer).

Derzeit wird bei der KVG der Fokus zunächst auf die Beschaffung von Neufahrzeugen bzw. den Austausch der Altfahrzeuge gelegt. Hier ist es zielführend, Ausbauziele für Bahnsteighöhen und Gleisachsabstand bei den Fahrzeugherstellern zu hinterlegen. Besteht eine weitgehend homogene Fahrzeugflotte, kann die Infrastruktur (Bahnsteighöhe, Gleichachsabstand) gezielt an die Fahrzeuge angepasst werden und so zu einer deutlich besseren Barrierefreiheit beitragen.

Verkehr & Umwelt
Messungen am Vergleichsgleis in der Versuchshalle
Auftraggeber
Kasseler Verkehrs-Gesellschaft AG
Leistungszeitraum
2020 bis 2021
Standort
Kassel, Deutschland
Leistungen
  • Begutachten

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