STUVA Tagung 2025 in Hamburg: Drei Tage Innovationen und Nachhaltigkeit
Das CCH erwacht – und mit ihm die Tunnelwelt der STUVA-Tagung
Dienstagmorgen in Hamburg kurz vor 9 Uhr. Draußen ist es noch gar nicht richtig hell, da strömen bereits tausende von Teilnehmern der STUVA-Tagung 2025 zum Congress Center Hamburg. Zwei Jahre Wartezeit haben endlich ein Ende gefunden. Pünktlich um 9 Uhr betritt der scheidende Vorstandsvorsitzende der STUVA Univ. Prof. Dr. Ing. Martin Ziegler die Bühne in Saal 1 und eröffnet die Tagung mit einem Blick über den Tellerrand: Hamburg als „Tor zur Welt“, als Stadt des Aufbruchs, der Toleranz und Weltoffenheit, also genau der Ort, an dem man Zukunft nicht nur diskutiert, sondern auf die Schiene setzt. Und wer die Branche kennt, der weiß genau, es geht längst nicht mehr allein um Neubau mit modernster Verfahrenstechnik, sondern genauso um Ertüchtigung und Betrieb bestehender Anlagen – robust, leistungsfähig und vor allem ressourcenschonend. Denn der Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel kann nur so gewonnen werden – mit nachhaltigen Ingenieurleistungen und Menschen, die mit Sachverstand, Mut und Weitblick an unserer gemeinsamen Zukunft arbeiten.
Die anschließende Grußbotschaft von Dr. Anjes Tjarks, Senator für Verkehr und Mobilitätswende der Stadt Hamburg, kommt zwar anders als geplant nur als Video ins Haus, der Inhalt aber bleibt klar und geht in die gleiche Richtung: Hamburg freut sich über die STUVA-Tagung in der eigenen Stadt, denn Hamburg setzt auf nachhaltige Mobilität und baut derzeit neben vielen anderen großen Infrastrukturprojekten die modernste U-Bahn Deutschlands mit vollautomatisiertem Betrieb, umweltgerecht und mit breiter Unterstützung in der Bürgerschaft. Die U5 ist nicht irgendein Projekt, sondern die mobile Zukunft für Hamburg. Die gemeinsamen Ziele verbinden die Hansestadt und die STUVA. Hier ist die Tagung im höchsten Maße willkommen!
Impulsvortrag mit Tiefgang: „KI ist uns schon heute überlegen…“
Es gibt Vorträge, die eine Tagung sortieren. Der Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer gehört dazu: „Künstliche Intelligenz ist uns schon heute überlegen. Macht sie Ingenieure morgen überflüssig?“ lautet die provokante Frage seines Auftritts. Spitzer entzaubert dabei die derzeit so gehypte „KI“ ohne sie kleinzureden: KI bedeutet für ihn eben nicht Algorithmen im Sinne von starrer Logik, nicht „Intelligenz“ im menschlichen Sinn – sondern eine Art „maschinelle Intuition“, die in sehr großen Datenmengen verborgene Zusammenhänge erkennt. Beispiele gibt es genug: komplexe, nicht berechenbare Spiele, das Entziffern von Keilschrift, die Faltung von Proteinen, sogar das Brauen von Bier. Wo Muster verborgen sind, ist KI stark – oft stärker als wir. Aber eine Gefahr für das Berufsbild „Ingenieur“? Spitzers Fazit ist entlastend und zugleich verpflichtend: KI wird Fachleute nicht ersetzen, aber Fachleute, die sich nicht der KI bedienen, werden – und dies gilt für nahezu alle Bereiche – durch Fachleute ersetzt werden, die KI für sich nutzen. Für unsere Branche heißt das: Ingenieure aus Fleisch und Blut werden weiter gebraucht, dürfen sich aber der künstlichen Intelligenz als potentes Werkzeug nicht verschließen.
Parallele Sessions für Tunnelbau und Tunnelbetrieb – zwei Säle, ein gemeinsamer Fokus
Nach dem Impulsvortrag von Prof. Spitzer teilten sich die Teilnehmer in die parallelen Sessions – und schnell zeigte sich, wie groß das Interesse an beiden Themenfeldern ist. Zwei Säle, unterschiedliche Schwerpunkte, aber ein gemeinsames Ziel: die Zukunft des unterirdischen Bauens und Betreibens.
Im Tunnelbausegment standen zunächst die großen Projekte im Mittelpunkt: Bahntunnel, Energietrassen und neue Versorgungstunnel, die sich als kritische Infrastruktur etablieren. Später rückten Nachhaltigkeit und CO₂-Minderung in den Fokus – nicht als Schlagwort, sondern als konkrete Ingenieuraufgabe. Diskutiert wurde die Verwertung von Ausbruchmaterial ebenso wie die Potenziale der Geothermie und die Rolle der Stahlfaserbewehrung für ressourcenschonende Auskleidungen. Wer aufmerksam zuhörte, merkte: Hier geht es um mehr als Technik – um ein neues Selbstverständnis des Tunnelbaus, das Effizienz und Umweltverantwortung verbindet und sich ganz selbstverständlich aller technischen Neuerungen bedient.
Auch die Vortragsreihe im Tunnelbetrieb war stark frequentiert. Die Vorträge reichten von Sicherheit und Risikominimierung über Tunnelverfügbarkeit bis hin zu Lüftungskonzepten, wie beispielsweise die Taupunktsteuerung im Saukopftunnel oder die Kühlung des Future Circular Collider in Genf. Über allem lag auch hier das Thema Digitalisierung: BIM, digitale Zwillinge, KI-gestützte Informationsaufbereitung und robuste Kommunikationsnetze.
Ein roter Faden verband beide Stränge: Nachhaltigkeit und Energie. Dekarbonisierung von Zement und Beton, ökologisch bilanzierte Tunnelauskleidungen – all das war nicht Randthema, sondern ist als Teil der strategischen Planung nicht mehr wegzudenken.
STUVA Preis geht an das Projekt U5 Hamburg
Der STUVA Preis geht in diesem Jahr an das Hamburger U-Bahnprojekt U5. Mit dem Preis würdigt die STUVA ein Projekt, das beispielhaft für zukunftsweisende Mobilität, für nachhaltiges Bauen und für partnerschaftliche Zusammenarbeit steht. Als derzeit größtes U-Bahn-Vorhaben Deutschlands entsteht auf rund 25 Kilometern eine leistungsfähige Ost-West-Verbindung mit 22 Haltestellen, die mit ihrem vollautomatischen Betrieb im 90-Sekunden-Takt wichtige neue Verknüpfungen im städtischen Verkehrsnetz schafft. Sie bietet täglich bis zu 315.000 Fahrgästen eine schnelle, barrierefreie und zuverlässige Mobilität.
Bei diesem herausragenden Großprojekt wird dem Umweltschutz hohe Priorität eingeräumt und der CO₂-Ausstoß bereits in der Planungs- und später auch in der Ausführungsphase als zentrales Bewertungskriterium verankert. Die U5 setzt damit neue Maßstäbe für einen ökologisch verantwortungsvollen und emissionsarmen Infrastrukturbau. So sollen bei diesem Projekt beispielsweise erstmals in Deutschland stahlfaserbewehrte Tübbinge zum Einsatz kommen. Ergänzt durch emissionsarme Baustoffe, materialoptimierte Bauweisen und ein konsequentes CO₂-Monitoring wird die U-Bahn-Linie zu einem zentralen Baustein der Hamburger Klimaschutzstrategie.
Junges Forum: Spannender Vortragswettstreit der Nachwuchsingenieure
Am späten Dienstagnachmittag gehörte die Bühne den Jungen: Gleich fünf Nachwuchskräfte trugen im „Jungen Forum“ eigene Projekte vor und stellten sich anschließend dem Urteil des Fachpublikums. Keine leichte Wahl, schließlich haben alle fünf Kandidaten beeindruckend vorbereitete Auftritte hingelegt. Julia Middendorf, Simon Böhmer, Robin Senyüz, Annika Stopp und Dr. Gabriel Lehmann stellten sich als Wettbewerber mit sehr hörenswerten Vorträgen dem Urteil der Anwesenden. Am Schluss setzte sich Dr. Gabriel Lehmann gegen seine Konkurrenten durch. Der souveräne Vortrag über „TBM Vortrieb in Hartgestein: Gesteinsvorkonditionierung mit Mikrowellen“ des Leiters Geotechnik der Fa. Herrenknecht AG begeisterte zu Recht viele im Saal. Die Idee: selektive Erwärmung, die Mikro und Makrorisse im Gestein erzeugt, es so signifikant entfestigt und vorschädigt. In Versuchskampagnen mit über 1.500 Proben konnte die Festigkeit um bis zu 60 % reduziert werden. Damit würden sich theoretisch die Vortriebsgeschwindigkeit erhöhen und der Verschleiß reduzieren lassen.
„Ich bin seit zwei Tagen ununterbrochen am Reden. Herrlich!“
Parallel zu den Vorträgen pulsiert die STUVA Expo in der unmittelbar an das CCH angrenzenden Halle H auf rund 7.000 m². Hier haben 182 Aussteller ihre Stände eingerichtet und zeigen, was sie der Branche zu bieten haben – vom Maschinenhersteller über Spezial-Tiefbau bis hin zum Service-Dienstleister. Zwei Tage summt es in der Halle wie in einem Bienenstock. Wo das Auge hinfällt, stehen Menschen und reden miteinander – zwei volle Tage lang. Es gibt Momente, da ist wirklich kein Durchkommen mehr; das Lächeln bei den Beteiligten bleibt trotzdem; so viele Kundenkontakte machen glücklich. Das Fazit einer Standbetreiberin auf der Expo am STUVA-Counter: „Ich bin seit zwei Tagen ununterbrochen am Reden. Herrlich!“
Überhaupt konnten sich die anwesenden Aussteller glücklich schätzen, dass sie überhaupt einen Stand ergattert hatten. Einige interessierte Firmen mussten leider auf die nächste Messe in zwei Jahren in München vertröstet werden.
STUVA-YEP wieder mit einem eigenen Messestand
Natürlich war auch das STUVA Forum for Young Engineering Professionals (STUVA-YEP) wieder mit einem eigenen Messestand auf der Expo vertreten. Die erst 2017 gegründete Nachwuchsorganisation hat in den acht Jahren seit Ihrer Gründung bereits einiges bewegt und wächst rasant. Mittlerweile sind es rund 470 registrierte Mitglieder – Tendenz weiterhin steigend. Durch regelmäßige Veranstaltungen wie z. B. Workshops und Baustellenbesuche bietet STUVA-YEP eine Plattform für die Vernetzung und den Erfahrungsaustausch auf fachlicher, aber auch auf persönlicher Ebene der Jungingenieure untereinander. Neue Mitglieder sind natürlich stets willkommen. Die Mitgliedschaft ist kostenlos und offen für den interessierten Nachwuchs im deutschen Tunnelbau oder einer affiliierten Branche bis zu einem Alter von einschließlich 35 Jahren (Mitgliedschaftsinteressierte senden eine formlose E-Mail an yep(nospam)stuva.de).
Festabend: Sektempfang, volles Haus und Keller Bar bis in die Nacht
Gegen Abend änderte sich der Rhythmus: Zunächst ein stilvoller Sektempfang im beeindruckenden Foyer des CCH – ausgerichtet von Socotec –, bevor der Festabend selbst begann. Restlos ausgebucht, mit einer Atmosphäre zwischen entspannter Geselligkeit und fachlichem Austausch bei einem guten Essen. Und weil Traditionen bei der STUVA Bestand haben, öffnete später die legendäre Bar von Keller Grundbau. Manche Diskussionen sind morgens besser, andere abends intensiver; in Hamburg gab es beides.
Auch am zweiten Tag dasselbe Bild: Volle Säle trotz kurzer Nacht
Wer befürchtet hat, dass der lange Abend die Morgenenergie drückt, wurde eines Besseren belehrt. Auch am Mittwoch sind beide Vortragsäle bereits am frühen Morgen gut besucht. Der maschinelle Tunnelbau startet mit Informationen über spektakuläre Projekte wie der Woodsmith Mine (lange TBM Fahrten, tiefe stahlverkleidete Schächte) über den Brenner Basistunnel (Abgleich Erkundungsstollen vs. Haupttunnelröhren) bis zu Variable-Density Maschinen mit kleinen (Ibbenbüren) und großen Durchmessern (Hampton Roads Bridge Tunnel).
Im Vortragssaal des Betriebs verdichtet sich unterdessen der digitale Faden: BIM, digitaler Zwilling, KI – aber praxisnah. Es geht um Informationsaufbereitung in Echtzeit, um robuste Kommunikationsnetze und um die Erfahrungen in den Leistungsphasen; also nicht nur um Tools, sondern um Prozesse. Später treten Brandschutz und Notfallmanagement in den Vordergrund: DAUB Empfehlungen, Gruppenversuche zum Fluchtverhalten, analytische Nachweise nach ZTV ING. Das ist die Sorte Programm, die Impulse liefert – für Richtlinien, für Planungen und für Baustellen.
Am Nachmittag wird es wieder regional und zugleich strategisch: Unterirdisches Bauen in der Region Hamburg mit U5 Mitte und U5 Ost, mit Einfahrkonstruktionen für TBM, Schlitzwänden und Unterwasserbeton; dazu ElbX mit 4,8 bar Überdruck und Arbeitssicherheit, sowie der Fernwärmetunnel unter der Elbe mit EPB TBM. Hamburg zeigt, was diese Stadt kann – wenn man es denn planvoll angeht: komplex bauen, Termine halten, Schnittstellen orchestrieren.
Dann war es plötzlich 18:00 Uhr und die Vortragsveranstaltungen zu Ende. Die letzte Präsentation, der letzte Gedankengang. Jetzt heißt es wieder zwei Jahre warten – bis zur nächsten Tagung. Einer aber, bekam den letzten Applaus. Univ.-Prof. Dr.-Ing. Martin Ziegler gibt nach 22 Jahren das Ehrenamt des Vorstandsvorsitzenden bei der STUVA ab. Natürlich geht man bei der STUVA nie so ganz und deshalb wird er der STUVA noch als Ehrenmitglied des Vorstands erhalten bleiben. An seine Stelle tritt Dipl.-Ing. Tim Dahlmann-Resing, der als langjähriges Vorstandsmitglied die STUVA und ihre Besonderheiten bereits von innen kennengelernt hat. Der erfahrene Praktiker wird dann auch die Rolle des Gastgebers ab der nächsten STUVA-Tagung übernehmen. Das STUVA-Team dankt Herrn Prof. Ziegler für die vielen Jahre an vorderster Front voller Herzlichkeit und wünscht Herrn Dahlmann-Resing viel Freude und Erfolg bei seiner neuen Aufgabe.
Tag drei: Technik zum Anfassen – Exkursionen mit Tiefgang
Nach zwei Tagen Messehalle und Vortragssaal nahm die Tagung am dritten Tag wie immer eine völlige Wendung: weg mit dem schicken Anzug und rein in die Gummistiefel! Von der STUVA handverlesene Fachexkursionen warteten auf die Teilnehmer, denen es gelungen war, einen der begehrten Plätze zu erhalten. Wer dabei war, konnte sich über exklusive Führungen zu Großbaustellen und Projekten freuen – teils ging es dabei in Bereiche, die sonst niemand zu Gesicht bekommt, stets geleitet von projektverantwortlichen Kollegen, die teils selbst vorher an der eigentlichen Tagung teilgenommen hatten. So gab es unter anderem Exkursionen zu den letzten Rohbauarbeiten der Verlängerung U4 Horner Geest, zu den ersten Baustellen des Großprojekts U5, zum Teilchenbeschleuniger XFEL/DESY, zum Tübbingtunnel der ElbX-Querung im Rahmen von SuedLink und noch einige andere. Die aufwendigste Tour mit 2,5-stündiger Busanreise führte die Teilnehmer zum Megaprojekt Fehmarnbelttunnel, wo nicht nur die deutsche, sondern auch die dänische Baustellenseite besucht wurde. Als schließlich auch diese Gruppe glücklich am Abend wieder in Hamburg eingetroffen war, war es auch schon wieder vorbei mit der diesjährigen STUVA-Tagung.
Herzlichen Dank an alle Sponsoren und Unterstützer der STUVA-Tagung 2025!
Wie in den vergangenen Jahren ist auch die STUVA-Tagung 2025 von zahlreichen Unternehmen und Organisationen unterstützt worden. Ein besonderer Dank gilt allen Sponsoren für ihre engagierte und verlässliche Unterstützung. Die STUVA bedankt sich ebenso herzlich bei den Ausstellern für ihre Mitwirkung an der STUVA-Expo sowie den beteiligten Unternehmen, die im Rahmen der Exkursionen den Teilnehmern praxisnahe und sehr exklusive Einblicke ermöglicht haben. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang zudem das von STUVA-YEP initiierte und organisierte Sponsoring von Eintrittskarten für Studierende der Hamburger Hochschulen. Dank der Kostenübernahme durch mehrere Unternehmen konnten zahlreiche Studierende in diesem Jahr kostenfrei an der Tagung teilnehmen. Dafür bedanken wir uns herzlich – auch im Namen des fachlichen Nachwuchses.
Nach der STUVA-Tagung ist vor der STUVA-Tagung
Wie immer sind die drei Tage der STUVA-Tagung auch in Hamburg wie im Zeitraffer verflogen. Nun heißt es erst einmal sich wieder zwei Jahre lang dem Tagesgeschäft zu widmen und neue Vortragsthemen für die nächste Tagung zu erarbeiten. Aber immerhin stehen Ort und Datum der nächsten STUVA-Tagung bereits fest. Für alle, die es kaum erwarten können, hier also schon mal die Ankündigung für die nächste STUVA-Tagung in München 2027: Diese wird vom 8. bis zum 10. Dezember 2027 wieder in der Messe München stattfinden. Wir freuen uns darauf, den fachlichen Austausch fortzusetzen und blicken bereits gespannt auf die STUVA-Tagung 2027 in München – Save the Date!